Hortensien und Granitmauern

Das milde Klima des Golfstroms lässt in der Bretagne Hortensien unwahrscheinlich üppig gedeihen. So prägen sie das Bild der Bretagne und unterstreichen den Charakter dieser wunderschönen Landschaft. Am liebsten mag ich es, wenn sie entlang der Granitmauern von alten Kirchen wachsen und noch dazu blau sind. Nein, es ist mehr als nur einfach blau, es ist ein ganz besonderes Blau: ein lichtes, helles Blau, das Meer und Himmel widerzuspiegeln scheint, und in dessen Zartheit man am liebsten eintauchen möchte.

Blaue Hortensie in der Bretagne - Fotografie Gudrun Itt ©

Hortensie in der Bretagne – Fotografie Gudrun Itt ©

An einem wunderschönen Herbsttag mit typisch bretonischen Schäfchenwolkenhimmel hat uns unser Weg etwas ins Landesinnere geführt – zu der Chapelle Saint-Germain in Plogastel-Saint-Germain im Finistère. Hier im Inneren des Landes wirkt es verlassen – wir fahren durch dichte Wälder und mir fallen unzählige Legenden ein. Man glaubt gar nicht, dass der Atlantik eigentlich doch noch so nah ist, mein an das Meeresrauschen gewöhntes Ohr ist erstaunt, ob der Stille und der Einsamkeit.

Typische Häuser aus Granit in der Bretagne - Landschaftsfotografie Gudrun Itt ©

Granitmauern in der Bretagne – Gudrun Itt ©

 Plogastell-Sant-Jermen stammt aus dem Bretonischen: ploe , was paroisse, dt. (Pfarr-)Gemeinde heißt und gastel,  Burg und Saint Germain.

Hier gelangen wir an eine prächtige gotische Kapelle aus dem sechzehnten Jahrhundert, die seinerzeit der Stolz des ganzen Dorfes war, die Chapelle Saint-Germain. Die rechteckige Kapelle spiegelt den Ehrgeiz seiner Gründer und wurde Ende des fünfzehnten Jahrhunderts oder Anfang des sechzehnten Jahrhunderts erbaut.

Ein wunderschönes Licht empfängt uns. Der Ort ist verlassen, viele alte bretonische Häuser verfallen, die Chapelle jedoch in ungewöhnlich guten Zustand und gut gepflegt. Das gesamte Gemäuer ist eingesäumt mit Hortensien, zartblauen Hortensien, die gerade jetzt blühen und eben diesen wunderschönen Kontrast von blauen Hortensienblüten und grauen Granitmauern bilden.

Es ist still und man hört lediglich einige Vögel zwitschern. Eigentlich hat man das Gefühl in der Zeit zurückzureisen – auf der hinteren Wiese fanden nach bretonischen Brauch in den vorangegangenen Jahrhunderten Märkte statt und ich habe den Eindruck, ich würde Stimmen hören, Gerüche wahrnehmen, in ein längst vergangenes Markttreiben eintauchen, ein ständiges Kommen und Gehen, Lachen, Tänze, Gesang – ein wahrhaft mystischer Ort, der mich in seinen Bann zieht und von dem ich weiß, dass ich mich noch oft und gerne an ihn erinnern werde. Zum Glück auch ein Ort fernab von allem touristischem Treiben, so dass man seine Wirkung voll und ganz und ohne Störung in sich einsaugen kann.

Landschaftsfotografie - Bretagne - Fotografie Gudrun Itt

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Landschaftsfotografie - Bretagne - Fotografie Gudrun Itt

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Landschaftsfotografie - Bretagne - Fotografie Gudrun Itt

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Ganz leise habe ich meine Fotos gemacht und lange habe ich dort verharrt und habe immer wieder innegehalten, den Alltag und alles um mich herum vergessen und nur auf die Stimmen der Vergangenheit gehört.

Der Weg zurück auf die sonnendurchflutete Straße war ein Zurückkehren in eine ganz andere Welt.

Auf dem Rückweg haben wir noch einen wunderschönen Hortensienballen stibitzt, den ich mit nach Hause genommen und getrocknet habe. Jetzt steht er in einer alten Gießkanne in meiner Wohnung und erinnert mich an einen wunderbaren Tag im Finistère und natürlich erinnert er mich auch immer an meine liebe Freundin Sabine, die mich auf diesem Ausflug begleitet hat und mir viele, viele Geschichten über unsere Bretagne erzählt  und jede Menge wunderschöne Orte gezeigt hat.

Blaue Hortensien in der Bretagne - Landschaftsfotografie Gudrun Itt ©

Blaue Hortensien in der Bretagne – Landschaftsfotografie Gudrun Itt ©

Zum Schluß fällt mir ein Gedicht von Rainer Maria Rilke ein – ich finde es passt wunderbar zum Abschluss dieser kleinen Geschichte und der Bilder:

Blaue Hortensie 

So wie das letzte Grün in Farbentiegeln
sind diese Blätter, trocken, stumpf und rauh,
hinter den Blütendolden, die ein Blau
nicht auf sich tragen, nur von ferne spiegeln.
 
Sie spiegeln es verweint und ungenau,
als wollten sie es wiederum verlieren,
und wie in alten blauen Briefpapieren
ist Gelb in ihnen, Violett und Grau;
 
Verwaschnes wie an einer Kinderschürze,
Nichtmehrgetragnes, dem nichts mehr geschieht:
wie fühlt man eines kleinen Lebens Kürze.
 
Doch plötzlich scheint das Blau sich zu verneuen
in einer von den Dolden, und man sieht
ein rührend Blaues sich vor Grünem freuen.

(Rainer Maria Rilke)

Blaue Hortensien an einer Kirche in der Bretagne - Landschaftsfotografie Gudrun Itt ©

Blaue Hortensien an einer Kirche in der Bretagne – Landschaftsfotografie Gudrun Itt ©

 In diesem Sinne:

Kenavo ar wech all – Gudrun

 

 

 

 

 

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